Soziologin Amlinger sieht soziale Ungleichheit als Faktor für den Aufstieg der AfD
Carolin Amlinger erklärt den Erfolg der AfD mit Statusängsten, Ungleichheit und einem veränderten Verständnis sozialer Konflikte. Die Basler Soziologin fordert langfristige Antworten neben Protesten und demokratischen Initiativen.
Die Soziologin Carolin Amlinger hält kurzfristige Proteste und Demokratieinitiativen allein für nicht ausreichend, um den Aufstieg der AfD zu begrenzen. Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt müsse trotz des großen zivilgesellschaftlichen Engagements festgestellt werden, dass die Partei dort nicht eingedämmt worden sei. In einem Interview mit der taz plädierte sie deshalb für eine langfristige Politik, die auch die sozialen Ursachen rechter Wahlerfolge aufgreift.
Amlinger, 1984 in Zell geboren, arbeitet an der Universität Basel. Gemeinsam mit dem Soziologen Oliver Nachtwey veröffentlichte sie 2025 bei Suhrkamp das Buch „Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus“. Ihre Aussagen im Interview beschreiben die gesellschaftliche Analyse und die politischen Schlussfolgerungen der Wissenschaftlerin.
Vor der Wahl hatten manche Beteiligte nach ihrer Erinnerung gehofft, Sachsen-Anhalt könne zu einem Ort werden, an dem erfolgreiche antifaschistische Politik praktisch erprobt werde. Das Wahlergebnis zeige nun die Grenzen eines kurzfristigen Vorgehens gegenüber einem seit Langem bestehenden Aufstiegstrend. Den Wert des Engagements in Sachsen-Anhalt stellt sie nicht infrage. Ohne die Initiativen und Protestveranstaltungen hätte die AfD nach ihrer Einschätzung möglicherweise noch mehr Stimmen erhalten. Wichtig sei insbesondere gewesen, Menschen aus einem Gefühl politischer Ohnmacht herauszuholen und ihnen die Erfahrung zu vermitteln, selbst handeln zu können. Außerdem seien Schutzräume entstanden, die unter einer möglichen AfD-Regierung noch größere Bedeutung bekommen könnten.
Solche Räume seien unter anderem für Migranten, People of Color sowie linke und queere Menschen wichtig. Amlinger ordnet diese Arbeit jedoch als kurzfristige Maßnahme ein. Eine langfristige Antwort müsse den globalen Aufstieg der radikalen Rechten berücksichtigen. Das Phänomen sei weder auf Ostdeutschland noch auf Deutschland insgesamt begrenzt.
Als Ausgangspunkt empfiehlt sie einen genaueren Blick auf die soziale Zusammensetzung der AfD-Wählerschaft und deren Motive. In Sachsen-Anhalt gehörten Menschen dazu, die ihre eigene wirtschaftliche Lage als schlecht einschätzen. Amlinger sieht darin ein verändertes Muster gegenüber den Nachkriegsgesellschaften: Linke Parteien seien unter Arbeitern und in der unteren Mittelschicht nicht mehr dominant, insbesondere unter Menschen, die sich kulturell rechts verorten.
Die Verschiebung habe sich in Sachsen-Anhalt auch als Protest gegen aktuelle Regierungsreformen ausgedrückt. Nach ihrer Analyse steht sie zugleich im Zusammenhang mit wirtschaftlichen Liberalisierungen der vergangenen Jahrzehnte und stark gewachsener Einkommensungleichheit. Diese Ungleichheit bezeichnet Amlinger als einen zentralen Treiber rechter Parteien in vielen westlichen Demokratien.
Dass Arbeiter eine Partei wählen, deren Politik nach der im Interview angesprochenen Einordnung eher Besserverdienenden dient, erklärt sie mit einer Wahrnehmung kollektiver Verluste. Auch Menschen ohne tatsächlichen sozialen Abstieg könnten befürchten, ihren Status zu verlieren. Statt die Sorge auf Ungleichheit oder Kürzungen zurückzuführen, projizierten sie sie auf Migranten. Zugleich identifizierten sie sich weiterhin mit Leistung und Wettbewerb.
In ihrem gemeinsamen Buch mit Nachtwey beschreibt Amlinger diesen Mechanismus als Nullsummendenken. Wer gesellschaftliche Ressourcen nicht mehr als wachsend, sondern als schrumpfend wahrnehme, verändere auch den Blick auf Verteilungskonflikte. Dann gehe es weniger um die Verteilung selbst als darum, welche Menschen überhaupt noch Zugang erhalten sollten. Der Klimawandel könne zusätzlich das Gefühl einer schwindenden Zukunft verstärken.
Nach dieser Logik wird der Nachteil anderer als eigener Vorteil empfunden, selbst wenn sich die eigene materielle Situation dadurch nicht verbessert. Amlinger sieht darin eine Verbindung zwischen sehr unterschiedlichen Gruppen der AfD-Wählerschaft. Dazu zählt sie wirtschaftlich benachteiligte Arbeiter, die sich von gesellschaftlicher Abschottung Vorteile bei sozialer Versorgung erhoffen.
Daneben nennt sie Selbstständige und Kleinunternehmer, die sich als leistungsstark verstehen und eine vermeintliche Begünstigung Leistungsschwächerer beklagen. Auch Angehörige der oberen Mittelschicht gehörten dazu, wenn sie unternehmerische Freiheiten durch Gleichstellungsprogramme, Sozialreformen oder Klimapolitik eingeschränkt sähen. Tatsächlicher wirtschaftlicher Erfolg schließe eine Angst um den künftigen Wohlstand nicht aus. Das gelte nach ihrer Darstellung auch für Menschen, die Vermögen aufgebaut hätten, im eigenen Haus wohnten und ein bereits vollständig bezahltes Auto besäßen. Erreichte materielle Sicherheit werde von ihnen nicht unbedingt als dauerhaft empfunden. Gestiegene Benzinpreise hätten solche Befürchtungen in den vergangenen Monaten verstärkt und indirekt die AfD begünstigt.
Bei jungen Wählern verweist das Interview auf einen besonders hohen AfD-Anteil: In Sachsen-Anhalt wählten 43 Prozent der unter 25-Jährigen die Partei, bei der letzten Bundestagswahl waren es 21 Prozent dieser Altersgruppe. Amlinger erklärt die Attraktivität auch mit schlechteren Aufstiegsmöglichkeiten. Eigene Bildungsinvestitionen führten nicht mehr so leicht zum sozialen Aufstieg; das Vermögen der Eltern sei entscheidender geworden.
Damit gerate die Lebensrealität in Widerspruch zu den weiterhin vorhandenen Leistungsnormen junger Menschen. Bereits privilegierte Personen könnten weiter aufsteigen, während andere relativ zurückfielen. Die daraus entstehenden destruktiven Energien könne die AfD aufnehmen. Amlinger charakterisiert sie in diesem Zusammenhang als nationalrevolutionäre Partei, die das demokratische System beseitigen wolle, von dem sich viele entfremdet hätten.
Nach ihrer Einschätzung vermittelt die Partei gerade jungen Menschen zusätzlich ein Gefühl von Grenzüberschreitung, Selbstermächtigung und sozialer Dominanz. Dazu gehöre nach ihrer Analyse auch die Anziehung von Gewalt. Ein revolutionärer Impuls, der früher eher mit der Linken verbunden worden sei, wandere gerade bei jungen Menschen nach rechts. Sie inszeniere sich nicht mehr nur als Protestpartei, sondern als Aufbruch und als Angebot einer Zukunft in einer als krisenhaft erlebten Zeit. Dieses Versprechen sei jedoch exklusiv und an Abstammung gebunden. Die Rechte biete nach Amlingers Auffassung somit nicht lediglich eine idealisierte Vergangenheit an. Ihr Bewegungscharakter könne Menschen das Gefühl geben, Geschichte mitzugestalten und Teil eines gemeinsamen Aufbruchs zu sein. Die Zugehörigkeit werde dabei auf Kosten der Zukunft anderer definiert. Amlinger betont deshalb, die AfD sei keine lediglich weiter rechts stehende Version der CDU, sondern strebe einen grundlegenden gesellschaftlichen Umbau an.
Ihre politischen Schlussfolgerungen richten sich auf die Verteilung von Einkommen und Vermögen. Konflikte sollten aus ihrer Sicht nicht kulturell gegen Migranten geführt, sondern als Auseinandersetzungen zwischen gesellschaftlich oben und unten bearbeitet werden. Sie fordert höhere Steuern auf Spitzeneinkommen, große Vermögen und Erbschaften, um Sozialstaat und Infrastruktur auszubauen.
Zusätzlich hält sie offene soziale Treffpunkte für erforderlich, in denen unterschiedliche Gruppen zusammenkommen und Zugehörigkeit erfahren können, ohne sich nach außen abzuschotten. In Sachsen-Anhalt seien entsprechende Ansätze bereits erfolgreich erprobt worden. Im Umgang mit AfD-Wählern warnt Amlinger vor sozialer Beschämung, die Menschen eher in ihren Ressentiments bestärke. Ein einzelnes Gespräch werde ihre politische Orientierung in der Regel nicht umkehren. Dennoch solle der Kontakt bestehen bleiben: Sorgen müssten angehört werden, ohne problematische Aussagen unwidersprochen zu lassen.
Auf die abschließende Frage, ob die AfD noch aufzuhalten sei, antwortet Amlinger mit dem Anspruch, von dieser Möglichkeit ausgehen zu müssen. Das benennt ihre politische Aufgabe, ohne eine Prognose über den Ausgang künftiger Wahlen abzugeben.
劉-T.Liú--THT-士蔑報